Erinnerungen an Jenny zum 10. Todestag am 04.09.2018

Am 4. September 2018 jährt sich Jennys Todestag zum 10.Mal.

(Den Beitrag und Bilder zum regionalen militärischen Gedenken am 05.09.2018 finden Sie in unserer Galerie)

Ich habe einen Brief an meine Jenny geschrieben

Liebe Jenny,

19 Rosen hatte ich dir zum Geburtstag gekauft, eine für jedes Jahr, wie immer. Wie hätte ich wissen können, dass ich den Strauß zu deinem Grab tragen würde? Fast 10 Jahre ist es nun her, dass mir die Nachricht von deinem Tod das Herz gebrochen hat. Jedes Detail von diesem Tag hat sich für immer in meine Seele gebrannt: Wie ich vom Einkaufen nach Hause kam und dein Vater in der Tür stand, nervös und ungewöhnlich blass. Ich solle mich hinsetzen, sagte er. Und dass gerade ein Offizier und ein Militärpfarrer da gewesen seien und gesagt haben. „Es ist unsere traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Tochter heute Nacht über Bord des Segelschulschiffs Gorch Fock gegangen ist und vermisst wird.“

Die Bedeutung dieser Worte habe ich erst einmal gar nicht begriffen. Du hattest doch erst vor zwei Monaten deinen Dienst bei der Marine angetreten. Unendlich stolz und glücklich bist du gewesen. Mit der Gorch Fock auf der Nordsee zu sein, das war dein großer Traum. Den Gedanken, dass du tot sein könntest, ließ ich nicht zu. Du warst eine erfahrene Rettungsschwimmerin und die Nordsee hatte immerhin 17 Grad. Vielleicht warst du an einen einsamen Strand gespült worden oder hattest das Gedächtnis verloren. Elf Tage habe ich das gehofft und Gott angefleht, er möge dich verschont haben. Aber als dann zwei Offiziere vor der Tür standen, konnte ich in ihren Gesichtern lesen, welche Botschaft sie mitgebracht hatten. Man hat mir hinterher erzählt, dass ich wie wahnsinnig geschrien habe. Ich erinnere mich nur daran, wie ich geweint habe. Solange, bis keine Tränen mehr kamen. Bei der Trauerfeier wäre ich am liebsten davon gelaufen, so sehr hat sie mich geschmerzt. Aber da hörte ich dich sagen: ‚Mamschi, bleib stehen, sonst kann ich nicht sehen, wer zu meiner Beerdigung gekommen ist.‘ Also blieb ich und ließ mich von 587 Menschen in den Arm nehmen. Das hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. Die Beziehung zwischen deinem Vater und mir ist allerdings über den Schicksalsschlag zerbrochen, wir hatten einfach eine zu unterschiedliche Art zu trauern.

Für mich war es das Wichtigste, mich mit dem, was auf dem Ausbildungsschiff der Marine geschehen ist, auseinander zusetzen. Ich habe den Ermittlungsbericht gelesen und bin sogar selbst zur Gorch Fock gefahren, stand lange dort, wo du während des Wachdienst in dieser stürmischen Nacht gestanden hast. Auch die Frage nach dem Warum habe ich versucht, mir abzugewöhnen. Leicht war das nicht, aber der Glauben hilft mir. Ich bin überzeugt, dass Gottes Heilsplan für jeden Menschen eine vorbestimmte Lebenszeit vorsieht. Wenn die vorbei ist, muss man gehen.

Aber dein Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Mit dem Geld aus deiner Lebensversicherung habe ich eine Stiftung für verunglückte oder dienstunfähig gewordene Soldaten und deren Angehörige gegründet. Ich will sie nicht nur finanziell unterstützen, sondern rede auch viel mit Betroffenen, Witwen und Eltern. Diese Arbeit ist für mich die beste Möglichkeit, meine Trauer zu verarbeiten. Mittlerweile sind uns Zweifel gekommen, ob Dein Tod wirklich ein Unfall war. Ich verspreche Dir, dass wir alles tun werden, um aufklären zu lassen, was in jener Unglücksnacht geschehen ist. Es geht nicht gegen die Marine und schon gar nicht gegen die schöne Gorch Fock, die ich genauso liebe, wie Du sie geliebt hast. Wir möchten nur wissen, was geschehen ist. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob Du am 3. oder 4. September von uns gegangen bist, ob
das Todesdatum auf Deinem Grabstein stimmt.

Heute gelingt es mir schon besser, mich über Kleinigkeiten zu freuen: Sonnenstrahlen nach einem trüben Tag, einen netten Anruf oder gute Freunde, denen es gelingt, mich zum Lachen zu bringen. Aber die innere Wunde wird nie ganz vernarben. Liebe Jenny, Du hast mich im Tode gelehrt, was Du mich im Leben gelehrt hast: Zuversicht zu haben und auf Gott zu vertrauen. Er weiß immer, warum etwas geschieht und er fügt alles letztendlich zum Guten.

„Der Traum von gestern ist die Hoffnung von heute und die Realität von morgen.“

Diesen Spruch von Dir haben wir nach Deinem Tod in Deinem Nachlass gefunden, genauso wie die schöne Pastellkreidezeichnung der Gorch Fock. Eigentlich sollten Mütter ja in ihren Töchtern weiterleben. Mir bleibt nichts übrig, als das eben umgekehrt zu versuchen und darauf zu vertrauen, dass wir uns im Himmel wiedersehen. Bis dahin haben wir einen wunderbaren Schutzengel im Himmel mehr.

Ich möchte schließen mit einem Spruch von Bonhoeffer, der auch Dein Lieblingslied war:

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
(Dietrich Bonhoeffer)


(c) Hermann DirkesLiebe Familienmitglieder, liebe Freunde, Nachbarn und
Kollegen,liebe Freunde der Jenny-Böken-Stiftung:

vor 10 Jahren verunglückte unsere Jenny auf dem Segelschulschiff Gorch Fock und gab am 4. September 2008 ihr junges Leben in die Hand ihres Schöpfers zurück. In dieser Zeit waren wir, Jennys Familie, nicht alleine. Die Nachbarn und Freunde, die ganze Dorfgemeinschaft Teveren und natürlich unsere Familien haben uns durch diese schwere Zeit begleitet und getragen.

Ich möchte heute, da ich auf diese letzten sechs schweren Jahre zurückblicke, mich bei allen, die geholfen haben und mir bis heute die Freundschaft und die Treue gehalten haben, herzlich bedanken. Mein Dank gilt aber auch allen Mitstreitern und treuen Begleitern der Jenny-Böken-Stiftung: Reinhold Robbe, dem Schirmherrn sowie allen Vorstandsmitgliedern und Mitgliedern des Stiftungsrates, ohne deren Unterstützung die Stiftung nicht arbeitsfähig und nicht so erfolgreich wäre. Sie alle sorgen dafür, dass Jennys Leben ein neuer Sinn gegeben wird und dass sie nicht umsonst gestorben ist.

Ich möchte aber auch den Soldaten, die wir betreuen und den Hinterbliebenen der getöteten und gefallenen Soldatinnen und Soldaten danken: Sie alle geben mir Mut und Kraft weiterzuarbeiten, sie geben meiner Arbeit einen Sinn und wenn es Ihnen und Ihren Familien gut geht, bin ich glücklich und ich stelle mir vor, dass Jenny vom Himmel aus zuschaut und sich mit uns allen freut. Ein ganz besonderer Gruß und Dank gilt heute aber dem Verteidigungsminister, a.D. Freiherr Karl- Theodor zu Guttenberg, der , zwar ohne großes Getöse, dafür aber um so wirkungsvoller mit den Mitarbeitern der Adjutantur und des Ministeriums die Arbeit der Jenny-Böken-Stiftung unterstützt hatte. Mit allen den Sorgen, Nöten, Anfragen und Anregungen finde ich in Berlin nicht nur offene Ohren sondern auch offene Herzen und helfende Hände.

Mein Dank gilt auch seinen Nachfolgern: Herrn Dr.Thomas de Maizére und Frau Dr. Ursula von der Leyen. Frau Heidinger, Beauftragte für die Hinterbliebenen und Leiterin der Ansprechstelle für Hinterbliebene, ist für uns seit 2010 eine große Stütze: mit allen Sorgen und Nöten hilft sie mit ihrem Team mit sehr viel Herzblut.

Wenn wir weiter alle so mit dem gesamten Netzwerk der Hilfe für die gute Sache einstehen, können wir viel bewegen.

Jenny hat mich im Tode gelehrt, was sie mich im Leben gelehrt hat: Zuversicht zu haben und auf Gott zu vertrauen. Er weiß immer, warum etwas geschieht und er fügt alles letztendlich zum Guten. Ich möchte mit Jennys Lieblingslied von Bonhoeffer schließen:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag."

Haltet uns die Treue und vergesst meine Jenny nicht mit ganz

mit ganz vielen lieben Grüßen

Marlis Böken mit Jenny im Herzen

Geilenkirchen-Teveren zum 04. September 2018

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